Leseprobe: Embracing the Tiger - Den Tiger umarmen

Ein Buch über Trauma, Freundschaft und die Liebe zu sich selbst

Prolog

 

Eine Welle des Schmerzes. Alles dreht sich und mir wird heiß. Mein Atem drückt gegen meine Brust. Als ob mein Herz durchbohrt werden würde. Alles fühlt sich so eng an. In solchen Momenten vergesse ich alles, was ich jemals gelernt habe, wie man damit umgeht. Alle Strategien, weg. Mein Kopf ist leer. Mir bleibt nichts übrig als zu atmen und achtsam zu sein. So gut diese ganze Transformation auch sein mag, verdammt, ist das unheimlich! Ich kann grade nicht aufstehen. Wenn ich das tue, falle ich wahrscheinlich.

Okay, was jetzt? Atmen. Diese Attacken kommen und gehen. Muss ich eigentlich was lösen, oder nur warten bis das vorbei geht? ... Ich erinnere mich an meine Stärke. An meinen Entschluss, zu bleiben. Egal was passiert, ich kann das halten. Ich bin stark, sonst würde das hier nicht sein.

 

So eine Attacke dauert meistens ein paar Minuten, dann ebbt sie ab und verschwindet an den mysteriösen Ort, von dem sie gekommen ist. Aber wenn ich mittendrin bin, bin ich verloren und Raum und Zeit lösen sich auf. Minuten dehnen sich zu Stunden aus und ich glaube manchmal, dass es nie mehr enden wird und ich in einem ewigen Loop gefangen bin.

 

„Bitte, hol dir Hilfe.“ Ich spüre Sorge in Finns Stimme.

 

„Ich bin stark, das weißt du, oder?“

 

„Ja, das ist mir bewusst.“

 

„Dann weißt du sicher auch, dass ich das alleine hinkriege, oder?“

 

„Du musst es aber nicht alleine hinkriegen.“

 

Ich halte inne.

 

„Versprich mir, dass du dir Hilfe holst.“ In all den Jahren in denen mir Finn begegnet ist hat er mich ihm noch nie etwas versprechen lassen. Es muss ihm also sehr ernst sein. 

Als könnte er meine Gedanken lesen, sagt er: „Es steht sehr viel auf dem Spiel. Das weißt du, tief in dir.“

 

Er hat Recht. Ich erlebe diese Wellen, die mich wie ein Orkan ergreifen, durchs Land schleudern und zu Boden werfen. Ich stehe auf, immer und immer wieder. Aber am Boden zu sein, das ist nicht angenehm. Mehr noch, manchmal denke ich, ich überlebe das nicht. Diesen Schmerz in mir, der alles mit seiner Dunkelheit verschlingt.

 

„Versprich es mir.“

 

Ich seufzte. Es ist, als ob mich die Stärke verlässt in diesem Moment, in dem ich mir eingestehe, dass er Recht hat und ich Hilfe brauche. Ich schaffe das nicht alleine. Die Intensität macht mir Angst. Komplett die Kontrolle zu verlieren…

Ich lasse also das Wort einsinken. Ich atme es ein, probiere seine Textur und Konsistenz. Was für eine Art Hilfe würde ich schätzen?

Zunächst möchte ich keine Ratschläge und nicht repariert werden. Das beinhaltet, dass es nicht okay ist wie ich bin und ich glaube da liegt die Wurzel des Problems. Ich möchte einfach sein, wie ich bin. Aber wer lässt mich schon sein, wie ich bin?

 

„Alex?“ Finn wird mir keine Ruhe lassen, bis er seine Antwort erhält. Er kann sehr beharrlich sein.

 

„Also gut. Ich verspreche es dir.“

 

Finn ist erleichtert und ich bin erstmal durcheinander. Da beginnen die Fragen in meinem Kopf aufzuziehen. „Was bedeutet das denn, Hilfe? Wo soll ich denn anfangen zu suchen, Finn. Wie sieht diese Art von Hilfe aus?“

 

Er lächelt. „Was würde sich denn am angenehmsten anfühlen?“

 

„Na, gar keine Hilfe zu brauchen. Stark zu sein. Das alleine hinzukriegen.“

 

„Also das, was du sonst auch immer tust.“

 

„Ja.“

 

„Hat es dich weiter gebracht?“

 

„Nein“, sage ich zögerlich. Ich hasse es, wenn er mich ertappt. „Wo soll die Hilfe denn herkommen? Monate lang darauf warten und suchen, das ist schon viel zu viel für mich.“

 

„Ja, ich weiß“, sagt er sanft. „Aber so muss es nicht sein. Du musst nicht erst Monate suchen und warten. Du weißt selbst, dass du die Zeit nicht hast.“

Wenn er das so sagt wird mir schmerzlich bewusst, wie ernst die Lage ist. Ich hatte es immer irgendwie hinbekommen. Gekämpft. Aber mir entgleitet jetzt alles. Der Schmerz wird zu groß für mich und überwältigt mich, verschlingt mich wie ein schwarzes Biest. Er weiß das. Er hat ein sehr liebevolles Wesen, aber er nennt mir auch die Gefahren, wenn er welche wahrnimmt.

Ich atme scharf aus. Warum muss das alles so kompliziert sein?

 

„Hilfe heißt ja auch für dich selbst zu dosieren, was jetzt für dich gut ist. Nicht, was dir noch mehr Stress macht.“

 

„Tja und dann, wo fange ich denn an zu suchen?“

 

„Du kennst die Möglichkiten.“

 

„Sich dafür öffnen und es oben beim Universum eingeben.“

 

„Genau.“

 

„Und das klappt?“

 

„Probiers aus.“

 

„Und wenn das alles nur Quatsch ist, ich und das Erwachen? Was wenn ich einfach nur eine geistesgestörte Person bin mit Wahnvorstellungen?“

 

„Dann bist du eine sehr nette geistesgestörte Person.“

 

Ich rolle mit den Augen. „Kannst du nicht was netteres sagen, Finneas?“

 

„Es gibt keine absolute Wahrheit. Was wenn die Welt eine Illusion ist und es um etwas ganz anderes geht, als du denkst? Was wenn alle anderen geistesgestört sind und die die einzig Normale bist?“

 

So könnte man es auch sehen… Ja, letztendlich werde ich es niemals wissen. Also kann ich auch erstmal mit dem sein, was sich angenehmer anfühlt.

 

„Okay, Finn. Ich werde es also dem Universum überlassen, dass es mir Unterstützung zukommen lässt. Ich bin offen für Veränderungen und ich nehme Hilfe an.“

 

Irgendwie fühlt sich das seltsam an. Ich habe es ihm versprochen mir Hilfe zu holen. Ich weiß noch nicht woher sie kommen wird. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt die Kraft habe, weiterzugehen. Aber ich hoffe, dass ich dieses Mal vom Leben getragen werde.


#1 Auf dem Berg

 

Heute ist wieder so ein Tag, der mit einem kleinen Aufschwung beginnt. Man könnte meinen, es ist nichts passiert. Es ist alles gut. Vielleicht war das gestern nochmal der Höhepunkt einer Phase und jetzt bin ich über dem Berg. Ha, das wäre doch was. Es ist gelöst. Ich kann den Pfad meines Lebens beschreiten.

Ohja, das begeistert mich und ich packe meinen Rucksack.

Also gut. Heute gehe ich wandern. Vielleicht ein bisschen verrückt, wenn man bedenkt, dass ich die letzten zwei Wochen viel Zeit liegend verbracht habe, aber wie mein Lehrer immer so sagt, Bewegung ist gut um wieder in den Körper zu kommen. Du brauchst Erdung, sagt er immer. Du bist von deiner Energie her viel zu leicht. Also nichts wie raus, frische Luft tut ja gut. Ein bisschen Wandern hat noch niemandem geschadet. Auf nach Heidelberg. So rausche ich mit dem Zug in eine andere Welt.

 

Ich habe das Gefühl, mein eigenes Leben zu verpassen, wenn ich immer nur ausruhe. Jeder Morgen ist eine neue Chance, das Blatt zu wenden. Manchmal wache ich auf und habe keinerlei Energie und verbringe den ganzen Tag vor meinem Computer. Aber manchmal gibt es auch einen starken Antrieb in mir, der mich an andere Orte führt. Dann fahre ich weg, reise durch die Gegend, laufe vor mir selbst weg und geniesse es, nicht Zuhause zu sein.

 

Der Philosophenweg ist einer der schönsten Wanderwege in der Stadt, abseits des Schlosses, wo die Touristenströme hinziehen. Es ist ziemlich steil, aber das ist schon okay. Ich mag, wie an den Rändern des Weges und an den Steinmauern wilde Pflanzen wachsen. Hier stehen ein paar Häuser, danach beginnt schon bald der Wald. Es hat gestern geregnet, der Waldboden ist also feucht und verströmt einen angenehmen Duft. Viele Nadelbäume wachsen hier und es ist schön schattig. 

 

Nach einer Weile denke ich: Nimmt der Aufstieg denn kein Ende? Irgendwie hatte ich es einfacher in Erinnerung. Aber klar, natürlich ist es ein Berg und es geht bergauf. Ist das nicht auch schön? Es geht bergauf, die Redewendung? Ich muss also nur weiterlaufen. Weiter und weiter und weiter. Wenn ich mich jetzt hinsetze und ausruhe wird es nur schlimmer. Dann komme ich aus dem Rhythmus. Also laufe ich weiter. Irgendwie verliere ich jedes Zeitgefühl. Es wundert mich, dass so wenige Menschen unterwegs sind. Es ist doch ein schöner Tag, wo sind die alle? Naja, mir soll es recht sein. Ich laufe weiter. Ich habe meine Ruhe. Das will ich doch, oder?

 

In der Stille des Waldes verschwimmt mein Blick. Ich kann ihn nicht mehr fokussieren. Alles entgleitet mir. Mich überkommt wieder eine Welle, es ist als ob ich weggezogen werde. Oh Gott. Warum hier? Warum jetzt? Das macht doch alles überhaupt keinen Sinn, es war doch alles gut bisher.

 

Hinter mir höre ich Schritte. Oh nein. Bitte jetzt keine Menschen. Das ist mir so peinlich, so schwach zu sein. Mehr noch, ich habe Angst, dass jemand von mir denkt, ich hätte Drogen genommen oder sonstiges. Dass die Leute dann den Arzt rufen. Es muss sehr befremdlich auf andere wirken, wenn ich gerade wieder weg drifte. Egal wie sehr ich mich konzentriere, ich kann den normalen Zustand nicht lange aufrechterhalten. Dann zieht es mich weg…

 

Ich wage es nicht, mich umzudrehen und mache mich mental unsichtbar. Einfach nicht auffallen, normal sein, weitergehen. Die Schritte kommen näher. Es klingt wie ein Jogger, der wird mich bald überholt haben. Ich konzentriere mich also nur auf den nächsten Schritt. Einatmen, ausatmen, weitergehen. Irgendwie wird das schon gehen.

Oder auch nicht.

 

„Hey, kannst du mir sagen wo ich den Pfad Nummer drei finde?“

 

Verdutzt drehe ich mich zur Seite. Wieso spricht er mich an? Ein mittelgroßer Mann mit blonden Haaren und eisblauen Augen. Er hat ein gutes Körpergefühl, das sehe ich an seiner Haltung. Auf seinem Rücken trägt er einen großen Trekkingrucksack. 

Ein Wanderer also, der seinen Weg verloren hat. Interessant. Aber was soll ich sagen? Ich weiß doch nicht, welcher Weg wo ist. Ich laufe hier einfach planlos herum und irgendwie finde ich wieder Nachhause. Ich orientiere mich nicht an Wegzahlen und sie fallen mir auch nicht auf.

 

„Nein“, sage ich kurz und knapp und das ist meine Antwort. Oh verdammt, ich höre mich an wie ein Schiff, dass kurz vor dem Sinken ist. Bitte Caro, reiss dich zusammen.

 

Er schaut mich genauer an. Sein Blick durchdringt mich und irgendwie ist das sehr intim für mich. Er lässt nicht von mir ab. 

„Welcher Pfad ist das hier?“

 

„Keine Ahnung.“

 

„Aber du bist hier unterwegs.“

 

„Ja.“

 

„Ohne zu wissen, wo.“

 

„Ja. Und?“

 

„Das ist seltsam, findest du nicht?“

 

„Man kann auch unterwegs sein, ohne seinen Pfad zu kennen. Das …“

Ich gerate ins Schwanken. Das ist alles zuviel. Ich will nicht mehr. Lass mich in Ruhe. Ich möchte ihn wegschicken, aber ich kann nicht. Wie soll ich diese Konversation denn gewinnen? Wie soll ich meine Art zu Leben rechtfertigen vor jemandem, der es nie verstehen wird, weil er mit beiden Füßen fest im Leben steht?

Ich sehe zu Boden. Bitte Beine, tragt mich auch weiterhin.

 

„Hey. Alles okay?“ Er schaut mich besorgt an. Was ist das nur, was nun in mir vorgeht? Ich kämpfe mit mir, mit meinem Körper, mit meinen Tränen. Warum fragt er mich das? Warum kümmert ihn das, wie es mir geht? Er sucht doch seinen Pfad. 

Eine Hitzewelle kommt über mich und ich muss mich sehr stark auf meinen Atem konzentrieren. Irgendwie macht es das nicht besser. Er bringt mich völlig aus der Fassung.

 

„Setz dich mal hin“, fordert er mich auf und weist auf den Baumstamm wenige Meter neben uns. Mein Körper reagiert viel zu langsam.

Da nimmt er meinen Arm und führt mich vorsichtig dorthin. Seine Bewegungen sind so geschmeidig, so elegant. Es ist fast schon wie ein Tanz, wie er sich bewegt. Ungewöhnlich. Oder ist es nur mein Blick, der alles wie Wasser zerfliessen lässt? Da endet die Bewegung auch schon wieder und ich nehme Stillstand wahr. Stillstand in Bewegung. Diese Szene: Zwei Fremde, die auf einem Baumstamm sitzen. Mein Atem geht schwer, seiner fliesst leise neben meinem. Eigentlich könnte das schön sein, aber doch nicht so. Shit. Was mache ich hier? Shit. Shit. Shit. Mein Herz pocht wie wild. Es gibt keinen Weg mehr, es aufzuhalten.

„Was passiert gerade?“ Er sieht mir in die Augen, als könnte er dort eine Antwort finden.

 

„Ich…. Es… Ich fühle mich nicht gut“, stammele ich. Es fällt mir verdammt schwer, meine Empfindungen in Worte zu fassen.

 

„Atme einfach weiter. Langsam ein und ausatmen. Dein Atem trägt dich. Es ist okay, ich habe Zeit. Ich bleibe einfach hier sitzen, bis es besser wird, ok?“

 

Ich nicke schwach. Hat er das gerade ernsthaft gesagt? Ich habe keine Wahl, als damit zu sein. Ich kann ohnehin nicht wegrennen. Ich bin wie erstarrt und doch kämpft in mir ein ewiger Kampf. Ich bin wie ein verwundetes Tier, das nicht fliehen kann.

 

Die Zeit zieht vorbei, ich kann nicht sagen, ob es Minuten oder Stunden sind. 

„Kannst du mir sagen, was grade in dir vorgeht?“

 

Ich schüttele den Kopf. Ich würde gerne, aber es geht nicht.

 

„Das ist okay. Dann bin ich einfach nur neben dir.“

 

So absurd das alles auch ist. Ich vertraue ihm. Zumindest ein kleines bisschen.

 

„Ich lege jetzt meine Hand auf deine Schulter, wenn das okay ist.“

 

Ich nicke, bevor mir bewusst wird, was das eigentlich bedeutet. Erst erschrecke ich, aber dann kann ich es zulassen. Er ist sehr vorsichtig in seinen Bewegungen. Ich drifte weg. Vielleicht will er mich hier halten. Warum passiert so etwas mitten im Wald? Ich dachte, wandern erdet mich und ich kriege das hin. Aber ich bin erschöpft. Alles in mir möchte Fallen, jede Last loslassen und sich einfach um nichts mehr kümmern. Diese Anfälle sind schon sehr heftig. Als ob etwas anderes Kontrolle über meinen Körper übernimmt und ich gar nichts tun kann. Widerstand ist zwecklos.

 

„Magst du dich hinlegen? Du siehst echt blass aus. Ich habe eine Picknickdecke dabei.“

 

„Im Ernst?“, frage ich. Was ist das für eine perfekt orchestrierte Welt? Wo einfach mitten im Wald jemand vorbeikommt, um dir in einem schlimmen Moment Beistand zu leisten. Eigentlich sucht er ja seinen Pfad, aber er hat auch eine Decke dabei.

 

Im nächsten Moment kramt er in seinem Rucksack und breitet die Decke auf dem weichen Waldboden aus. Er führt mich langsam zum Boden und weist mich an, meine Beine auf den Baumstamm zu legen.

„Besser?“

 

Ja. Das Gewicht loslassen zu können hilft mir. Aber ich fühle mich immer noch benebelt. „Ich bin so müde. Vielleicht schlafe ich gleich ein.“

 

„Brauchst du einen Arzt?“

 

Oh Gott, nein! Es schaudert mich bei dem Gedanken. Was dann alles passieren würde. Menschen, die grob zu einem sind, einem Nadeln in den Körper stecken, all sowas. Nein, das will ich nicht. Ich möchte doch nur, dass jemand nett zu mir ist und mich sein lässt, wie ich bin. 

„Keinen Arzt. Bitte. Es ist nicht so schlimm.“

 

Auf wundersame Weise scheint er genau zu verstehen, was ich denke. „Okay. Ruh dich etwas aus. Ich bleibe hier.“

 

Bevor ich widersprechen kann, schlafe ich auf der Stelle ein.

 

 

„Hey. Wach auf.“ Jemand rüttelt mich und ich sehe Baumkronen über mir. Ein Himmel aus Baumkronen. Was ist passiert? Wo bin ich? Ein Schreck durchfährt mich. Ich kann mich nicht erinnern.

 

„Alles gut. Du bist in Sicherheit.“

 

Ich beruhige mich wieder. Diese blauen Augen besänftigen mich. Langsam kommt wieder Energie in meine Glieder.

 

„Es tut mir leid, dass ich dich wecken musste, aber es wird langsam dunkel.“

 

Oh verdammt. „Habe ich so lange geschlafen?“

 

„Sieht so aus.“

 

Ich beisse mir auf die Unterlippe. „Es tut mir leid.“

 

„Was tut dir leid?“

 

„Na das mit deinem Ausflug. Du wolltest sicher heute wandern und stattdessen hast du hier gesessen neben mir.“

 

Er lacht. „Ja, das stimmt, weit bin ich nicht gekommen mit meinem Ausflug. Ich bin gerade zehn Minuten vom Parkplatz hierher gelaufen. Aber das ist doch jetzt egal.“

 

„Warum?“

 

„Weil es dir nicht gut ging.“

 

„Aber du hattest einen Plan.“

 

„Pläne ändern sich. So hatte ich ein bisschen Zeit zum Lesen. Ich habe auch ein halbes Buch lesen können. Also nicht so schlecht, oder? Zuhause schaffe ich das nie mit dem Lesen, aber heute ging das erstaunlich gut.“

 

Verlegen schaue ich zur Seite. 

 

„Im Ernst. Du kippst fast neben mir um und denkst allen ernstes, ich lasse dich alleine da liegen?“

 

„Nein, das nicht.“

 

„Aber?“

 

„Du hättest auch einfach den Notarzt holen können, dann wärst du fein raus gewesen.“

 

Er lächelt. „Daran habe ich ja auch kurz gedacht, aber das Risiko ist zu groß, dass es dir dann noch schlechter geht, als ohne. Wenn du wirklich nur erschöpft bist und Ruhe brauchst wirst du dort eher noch traumatisiert, als dass sie dir helfen. Manchmal braucht man also nur so etwas einfaches wie Schlaf und keinen Notarzt. Der Körper reguliert sich selbst. Ein Wunderwerk.“ Sein Blick schweift in den Wald. Er muss das hier wirklich sehr gerne mögen. Die Natur, das Wunder des Lebens.

Dann packt er ein Behältnis aus seinem Rucksack und reicht es mir. „Iss was, damit du zu Kräften kommst.“ 

 

„Ich weiß nicht, ob ich etwas essen kann.“

 

„Probier einfach mal. Du musst es nicht essen, aber vielleicht möchte dein Körper sich etwas Energie holen.“

 

Die Aprikosen schmecken so süß, dass es mir die Tränen in die Augen treibt. Ich bin so berührt davon, dass er sich um mich kümmert. Er kennt mich doch nicht. Aber all das scheint keine Rolle zu spielen.

 

Eine seltsame Harmonie verbreitet sich um uns wie ein Leuchten. Ich spüre wie wir beide zur Ruhe kommen. Das stille Zentrum in mir beginnt zu Schimmern. Es gibt einen zarten Kern in mir, der sich berührt fühlt. Wir schweigen. Die Sonne zeigt sich golden auf ihrem Abstieg. So weh es oftmals tut, das Leben ist auch voller Schönheit.

 

Nach einer Weile steht er auf, streckt sich und sagt: „Wir sollten jetzt gehen, bevor es dunkel wird.“

 

Etwas in meinem Herzen zieht sich zusammen. Jetzt geht es mir besser und ich kann nach Hause gehen. Wieder allein sein. Der Zauber erlischt also wieder und ich spüre einen Stich in meinem Herzen.

 

„Kannst du aufstehen?“

 

„Ich glaube schon.“ Langsam rolle ich mich auf die Seite und richte mich auf. Ein bisschen schwindelig ist mir noch, aber es geht. Der Schlaf hat mir wieder etwas Kraft gegeben.

 

Er schüttelt die Decke aus und faltet sie sorgsam zusammen, verstaut sie in seinem Rucksack, zusammen mit den leeren Behältnissen und sieht mich an. „Mmh, wirklich fit siehst du nicht aus.“

 

Wahrscheinlich sehe ich traurig aus. Ob er weiß, warum? Ich fühle mich verloren. Im Wald, in der Welt. Ganz und gar verloren. Was eigentlich kein Wunder ist, wenn man sich die Umstände betrachtet, wie ich lebe, was ich durchlebt habe…

 

Wir laufen eine Weile schweigend nebeneinander her. Ich wage es nicht zu fragen, was nun passiert. Es sind nur ein paar Momente, aber sie kommen mir so unglaublich lange vor.

 

„Okay“, sagt er und und macht eine lange Pause. „Ich fahr dich nach Hause.“

 

Ich reisse die Augen auf. „W… was?“

 

„Du hast richtig gehört. Ich fahre dich nach Hause.“

 

„Es geht mir wieder gut, ich komme klar, ich…“ Ich schaue zu Boden. „Ich schaffe das schon“, murmle ich leise, aber ich glaube meinen eigenen Worten nicht. 

Da fallen mir wieder Finns Worte ein. „Hol dir Hilfe“, hatte er gesagt. Ist das etwa meine Hilfe? Oh Gott. Ich war so in meinem inneren Film gewesen, dass mir das gar nicht aufgefallen war… Dieser Typ hier besteht ja geradezu darauf, mir zu helfen. Und ich bin so abweisend und misstrauisch. Das ist mal wieder typisch ich. Aber nun habe ich es durchschaut und ich kann anders reagieren. Was natürlich immer noch nicht heißt, dass es einfacher für mich ist. Oh, da geht der innere Konflikt los zwischen dem was ich mir wünsche und dem was ich annehmen kann. Aber ich versuche es, was habe ich schon zu verlieren. Ich kann fragen. Er kann ablehnen. Es wird wehtun, aber dann ist die Sache gegessen.

Als würde er mir ansehen, dass meine Gedanken kreisen, fragt er: „Was ist?“

 

Ich atme tief ein. Ich schaffe das. Ich kann es sagen. Es ist nur ein Satz, oder zwei. „Es mag jetzt vielleicht sehr seltsam klingen, aber… Ich möchte nicht nach Hause.“

 

Stille. Oh Gott, ich habe es wirklich ausgesprochen? Ich wünsche mir, dass jemand da ist, kann aber Nähe nur schwer zulassen. Aber es geht ja nicht um etwas bestimmtes, ich möchte einfach nur nicht nach Hause. Mehr habe ich ja gar nicht gesagt.

 

„Gibt es einen anderen Ort, an den du gehen möchtest?“

 

Ich schüttele den Kopf. „Ich hab keinen Ort, an den ich gehen kann.“

 

Er lächelt, als hätte er das schon irgendwie geahnt. „Magst du mit zu mir?“


#2 Matt

 

Ich kann es kaum fassen. Da sitze ich also im Auto mit einem Fremden, der mir so vertraut erscheint, als würden wir uns schon eine lange Zeit kennen. Ich habe das selten, dass ich mich so mit einem Menschen verbunden fühle, den ich gar nicht kenne. 

Aber da ist auch wieder mein Zwiespalt. Statt zu geniessen, dass jemand sich mir zuwendet mache ich mir Gedanken darum, dass ich ja gar keinen Schlafanzug dabei habe und Sachen zum Wechseln und und und. Warum habe ich nur gesagt, ich will nicht nach Hause? Dann wäre alles viel einfacher jetzt und ich müsste mich nicht meiner Angst stellen, dass er herausfinden wird, wie ich wirklich bin und mich dann herauswirft. Am Liebsten würde ich aus dem Auto aussteigen und weglaufen. Aber ich weiß, dass das ein Anteil in mir ist, der nur sehr schwer Dinge annehmen kann. Ich kann viel geben, aber nehmen ist so schwer für mich.

 

Wie seine Wohnung wohl aussehen wird? Ich empfinde Vorfreude und Nervosität zugleich, die sich in meinem Magen austoben. Was passiert hier? Das ist alles so verrückt. Und plötzlich befinde ich mich mittendrin. Er heißt Matt und führt mich durch seine Wohnung.

 

„Hier ist das Bad. Da drüben sind Handtücher. Und dort habe ich noch einen Schlafanzug von meiner Schwester. Der müsste passen.“

Eine Wohnung sagt viel über die Person aus, die dort lebt. Daher ist es etwas sehr intimes. Ich sehe also eine sehr minimalistisch und doch edel eingerichtete Dreizimmerwohnung. Er lebt schlicht aber mit sehr hochwertigen Materialien. Viel Stein, viel Holz. Ich muss an Asien denken, irgendwie scheint er das zu mögen. Helle weiße Wände, hellbrauner Dielenboden. Klarheit und Weite. Es erinnert mich sehr an die Interior Design Bücher, die ich mir als Teenager immer gerne angeschaut habe. 

Ein Zimmer steht leer, nur ein Sofa gibt es darin. Im Flur steht ein Schädelmodell und einige Medizinbücher. Was dieser Geruch wohl ist? Sandelholz? Alles ist so sauber und aufgeräumt. Ungewöhnlich für einen Mann, ich habe da schon ganz andere Wohnungen gesehen. 

 

„Bist du Arzt?“

 

„Nicht ganz. Ich bin Krankenpfleger und ich mache verschiedene Arten von Körperarbeit.“

 

Das erklärt natürlich einiges… Seine geschmeidigen, tänzerischen Bewegungen. Dass er Bescheid weiß, wie man mit Menschen in schwierigen Situationen umgeht. Ich fühle mich plötzlich unwohl. Ob er an meinem Körper ablesen kann, was in mir vorgeht? Ob er meine Gedanken lesen kann? Ich fühle mich so gläsern.

 

„Magst du eine Decke haben?“, fragte er mich, als wir uns auf das Sofa setzen.

 

Ich bin verwundert. „Im Sommer?“

 

Er lächelt. „Nur eine dünne Decke. Aber ich finde es sehr gemütlich, so unter einer Decke zu sein.“

 

Ich stimme zu. Warum nicht. Dann kann ich mich wenigstens etwas verstecken.

 

Die Decke die er mir gibt ist weich, aus kräftiger orangefarbener Kaschmirwolle. 

Jetzt ist es etwas besser. Es gibt da eine Schicht Stoff zwischen uns, die mich beschützt. 

Da steht Matt langsam vom Sofa auf.

 

„Wohin gehst du?“, frage ich, als hätte ich Angst, ihn wieder zu verlieren. Als würde er gehen und mich hier in dieser seltsamen schönen Wohnung alleine lassen. Und dann wüsste ich nicht, was ich alleine hier tun sollte. Es ist so schön und doch weiß ich damit nichts anzufangen. Ich kann es beobachten, aber den Raum nicht mit Leben füllen und präsent sein, wie er.

 

„Ich mache Tee. Magst du auch etwas?“

 

Erleichtert höre ich mich ja sagen, aber nachdem Matt in der Küche verschwunden ist und ich den Wasserkocher pfeifen höre bin ich nicht mehr so sicher, ob ich jetzt Tee trinken möchte. Ich meine, es ist alles einfach absurd. Eine Begegnung mit einem Fremden im Wald. Und jetzt bin ich hier, sitze auf einem Sofa, in eine Decke gewickelt und trinke gleich einen Tee. Das alles klingt nach Winter. Dabei ist es doch Sommer. Draussen spielt das Leben, Menschen gehen an die Neckarwiese und grillen und haben Spaß. Und wir sitzen hier in seinem Wohnzimmer und trinken Tee. Was das wohl zu bedeuten hat? Es ist nicht real, das ist sicher ein Traum. 

 

Matt kommt mit einem Tablett, einer japanischen Teekanne und zwei wunderschönen handgefertigten Keramikschalen wieder. Es ist eine Freude, den rauen, nur innen leicht glasierten Ton an meinem Lippen zu spüren. Das ist etwas anderes, als aus einer Porzellantasse zu trinken. Bilder vom Wald, von der Schroffheit der Natur steigen in meinen Gedanken auf. Eine Sehnsucht, die ich nicht weiter benennen kann. 

Der Tee beruhigt mich. Ich komme langsam wieder richtig hier im Raum an. Ich sitze auf dem Sofa, ich spüre das Polster unter mir und die Decke auf meinen Beinen. Ich fühle mich auf einmal ein kleines Stück mehr lebendig. 

 

Matt wartet geduldig ab, bis ich alle Eindrücke in mich aufgesogen habe und sich unsere Blicke wieder treffen. Er nimmt sich viel Zeit für mich.

„Magst du mir etwas über dich erzählen?“

 

„Wo soll ich anfangen?“

 

„Vorne, in der Mitte, am Ende. Egal. Sag, was dir in den Sinn kommt.“

Er sieht, dass ich zögere und sagt: „Es ist okay. Nimm dir Zeit.“

 

Warum ist das hier so schwer? Wenn es das ist, was ich will, dass jemand da ist? Warum kommt dann jedes Wort so schwer aus meinem Mund?

„Ich habe grade so eine Phase, dass ich sehr erschöpft bin.“

 

„Was erschöpft dich so?“

 

„Das Leben.“

 

„Das Leben?“

 

„Ja.“

 

„Das komplette Leben oder ein Aspekt besonders?“

 

Ich komme mir vor wie ein kleines Kind. „Das normal sein. Ich bin nicht gut darin.“

 

„Ich finde es gut, dass du nicht normal bist. Das heißt ja, dass du etwas besonderes bist.“

 

Seinen letzten Satz ignoriere ich mal eben schnell. Und dann werde ich wütend und es sprudeln die Worte aus mir hervor. 

„Das Leben ist einfach so unheimlich heftig. Naja, arbeiten gehen, einen Job haben, Einkaufen gehen, Kochen, den Haushalt machen, seine Lebensmission finden, Spaß haben, Sport treiben, Freunde treffen, Beziehungen überstehen, einen Sinn in allem finden, dabei nicht durchdrehen… Das alles. Viel zu viel.“

 

„Verstehe.“

 

Was gibt es denn da zu verstehen? Du hast doch alles im Griff, eine Wohnung, einen Job, du hast sogar eine sehr aufgeräumte Wohnung. Du hast eine guten Figur, bist sportlich und schön und in Ordnung und ich bin das Gegenteil von all dem. Ich bin so zerbrochen, dass ich sogar Angst davor habe, dass du es erkennen könntest und mich erneut fallen lässt, weil du weißt, dass es hoffnungslos ist. Es ist egal in wie viele Teile ich breche, ich werde nie wieder ganz werden. 

 

„Es klingt so, als bräuchtest du einfach mal eine Pause von allem.“

 

„Ja. Schön!“, sag ich sarkastisch. „Aber ich muss diese Dinge tun. Ich muss Einkaufen gehen ich muss Kochen ich muss die Wohnung aufräumen.“

 

„Sonst?“

 

„Sonst verhungere ich oder mir wird schlecht weil ich jeden Tag nur Tiefkühlpizza esse.“ 

 

„Heute Nacht bleibst du erstmal hier. Ich koche etwas für dich. Dann gehen wir schlafen und ich mach dir Frühstück. Danach sehen wir weiter. Vielleicht gibt es da eine Lösung für dich. Und jetzt ist einfach jetzt. Jetzt bin ich da.“

 

„Warum tust du das?“, frage ich. Ich kann es nicht fassen. Warum ist jemand so nett zu mir? Etwas in mir sperrt sich.

 

„Es hat sich alles so ergeben.“ Er lächelt. „Würdest du nicht auch jemandem helfen, wenn du in meiner Lage wärst?“

 

„Und was hast du davon? Was kann ich dir schon geben?“

 

„Da ist soviel Druck, der auf dir lastet. Das sehe ich dir an. Du musst mal gar nichts tun. Wenn du magst würde ich mich freuen, wenn du mir sagst, was in deinem Leben so in Chaos geraten ist, dass du tagsüber im Wald zusammenbrichst und einfach für heute einmal etwas annimmst.“

 

Alles in mir wehrt sich. Der Schmerz kommt wieder auf. Kann ich das unter Kontrolle halten? Helfen lassen hin oder her, aber einen Ausbruch bekommen, das ist mir jetzt zu heikel. „Ich kann das nicht!“ 

 

„Magst du es versuchen?“ 

 

Er schaut mich so liebevoll an. Wie ein kleines verängstigtes Kind sitze ich da auf dem Sofa, nur eine Decke zwischen mir und einem so liebevollen Fremden der vielleicht meine Unterstützung sein möchte, um die ich gebeten habe. Kann ich das annehmen? Kann ich das wirklich? Was, wenn er mich nicht mehr bei sich haben will? Einen Therapeuten bezahlt man ja dafür und dann ist das wieder ausgewogen. Und ich kann ihn nicht bezahlen. Und es ist einfach alles so schräg. So verdammt schräg.

„Das ist nicht natürlich“, platzt es aus mir heraus.

 

„Was ist nicht natürlich?“

 

„Na einfach nur Empfangen. Man muss doch auch etwas zurückgeben. Jemand schenkt dir was und du musst etwas zurückgeben.“

 

„Sagt wer?“

 

„Sagt das kosmische Gesetzt von Geben und Nehmen.“

 

„Was ist mit den Vögeln da draussen?“

 

„Na, sie kriegen Futter, aber sie singen auch schön. Das ist ihre Arbeit.“

 

„Meinst du nicht, dass jedes Wesen es einfach verdient hat, dass man gut zu ihm ist und ihm etwas schenkt?“

 

Ich zögere. „Ich weiß es nicht. Irgendwelche Wesen, vielleicht. Aber wir sind Menschen. Wir verdienen uns Dinge. Wir arbeiten. Es gibt für alles eine Gegenleistung.“

 

„Weißt du, ich sehe das anders. Alles was du gibst kommt zu dir zurück. Aber nicht immer 1:1. Das Leben gibt mir Dinge zurück, an anderer Stelle. Und du gibst dem Leben das was du kannst, dann wenn du kannst.“

 

„Was ist, wenn ich nichts zu geben haben?“

 

„Jeder hat etwas zu geben. Schau mal“, beginnt er und umfährt mit dem Zeigefinger den Rand seiner Tasse, „Wir alle sind eine Tasse Tee und wenn die voll ist geben wir das an andere weiter.“

 

„Was ist, wenn ich eine Tasse bin, aber gar kein Tee mehr darin ist? Wenn ich so leer bin, das da nichts mehr ist?“

 

„Dann fülle ich erst deine Tasse auf und irgendwann, eines fernen Tages, wenn dir danach ist dann füllst du die Tasse von anderen Menschen auf. Oder Tieren. Oder Pflanzen.“

 

„Eines fernen Tages. Egal wie lange das dauern wird?“

 

„Ja. Egal wie lange es dauern wird.“

 

„Was, wenn es zu lange dauert? Wenn es eine Frist gibt, die ich dann verpasst habe?“

 

Er lächelt. „Es gibt keine Frist. Nimm dir Zeit.“

 

Zeit. Ich atme das Wort ein. Ich habe Zeit. Es fühlt sich so falsch an, so im Kontrast zu all dem, was ich sonst denke. Ich fühle mich getrieben, als ob mir die Zeit geradezu aus den Fingern rinnt.

 

„Matt, es tut mir leid. Ich weiß wirklich nicht, wo ich anfangen soll und was für eine Geschichte du von mir hören möchtest. Ich würde dir gerne mehr erzählen, aber gerade kann ich das nicht.“

 

„Das ist schon okay. Du musst auch nichts erzählen für mich. Wenn, dann für dich. Um dir selbst deiner Gedanken klar zu werden, dich zu sortieren.“

 

„Ich bin einfach die ganze Zeit so müde.“

 

„Leg dich etwas hin, wenn du magst. Ich werde die Chance nutzen, um mein Buch fertig zu lesen. Hey, ein ganzes Buch an einem Tag habe ich schon lange nicht mehr geschafft“, freut er sich und ich fasse es nicht. Jeder andere Mensch hätte mich zusammengestaucht, dass ich stark sein soll und mich zusammenreissen soll. Oder einen Arzt gerufen und mich weggeschickt, aus der eigenen Hilflosigkeit heraus. Und er akzeptiert das, wie ich bin und freut sich sogar, dass er nun zum Lesen kommt. Was für eine irre Welt. Kann die Welt auch so anders sein, als ich sie kenne? Ist es ein neuer Beginn für mich? 

Ich mag dieses jugendliche Lächeln und die Krähenfüße an seinen Augen. Etwas so warmherziges liegt darin. Er verkörpert ein Kind und einen weisen alten Mann zugleich, dabei ist er sicher nicht vie älter als Mitte dreißig.

 

Ich lasse mich auf die Seite fallen. Es ist so angenehm zu liegen. Das ist etwas ganz anderes, als auf der Picknickdecke auf dem Waldboden. Hier, auf einem weichen Sofa, mit einer Decke. 

Ich habe keine Angst mehr vor ihm. Irgendwie fühle ich mich sogar ein kleines bisschen wohl hier. Er ist einfach da und es gibt nichts, dass er von mir erwartet. Nichts, dass ich tun muss. 

 

Ob er ein Engel ist, den das Universum mir geschickt hat? Mir wird so warm ums Herz. Und obwohl ich lieber wach bleiben würde um mir Matt genauer anzusehen und die Eindrücke in seiner Wohnung mit all diesen schönen Gegenständen wie ein Schwamm aufzusagen, döse ich wieder weg.

 

 

 

 

 

#3 Miso

 

Als ich aufwache fühle ich mich wie gerädert. Wie spät ist es? Sonnenstrahlen fließen durch die Ritzen unter den Vorhängen hervor. Habe ich etwa die ganze Nacht hier auf dem Sofa geschlafen? Sieht so aus. Ich drehe den Kopf zur Seite und suche nach Matt. Der sitzt immer noch da, wo er gestern saß und hält ein Buch in der Hand.

 

„Guten Morgen!“ Er strahlt so. Hat er schon bemerkt, dass ich wach bin? Er hat die Sinne eines Luchses.

„Morgen“, presse ich hervor und fahre mir mit der Hand übers Gesicht. Oh Gott, ich muss furchtbar aussehen. Ungekämmt, ungewaschen. Ich stoße einen Seufzer aus. Es ist wohl wie es ist. Mein Kopf tut so weh und auf mir liegt eine bleierne Schwere.

 

„Wie fühlst du dich?“

 

„Ging mir schonmal besser“, sage ich und beisse mir auf die Zunge. Eigentlich sagt man ja „gut“, egal, wie man sich fühlt. Das ist Höflich. Sollte ich also so direkt sein? So früh am Morgen. Na, immerhin bin ich ehrlich.

 

„Ist okay. Du musst erschöpft sein, wenn du soviel schläfst. Dein Körper braucht das wohl gerade.“

 

„Hast du die ganze Nacht hier…?“, beginne ich, und mir gehen die Worte aus. Mitten im Satz habe ich vergessen, was ich sagen wollte.

 

Da lacht Matt. „Nein, ich habe drüben in meinem Zimmer geschlafen, bin früh aufgestanden und da du noch geschlafen hast dachte ich, ich beginne ein weiteres Buch, damit du nicht alleine aufwachen musst. Hey, ich glaube ich schaffe es dieses Wochenende noch meine gesamten Bücher zu lesen, die ich seit Jahren lesen wollte.“

 

Bitte sei still. Deine Worte tun mir weh. Klang, Licht, alles. Alles tut so weh. Ich will das nicht, aber ich werde wütend. Wütend, dass alles sich so furchtbar anfühlt. Ich meine, ich könnte doch auch aufwachen und es geht mir gut. Und ich könnte einen schönen Vormittag bei Matt verbringen und dann nach Hause fahren und mich daran erinnern, dass es eine besondere Begegnung war. Aber was ist? Ich fühle mich noch schlechter als gestern, ohne Grund. Ich habe mich weder erschöpft noch sonst was. Ich habe nur geschlafen. Und jetzt bin ich müde und erschöpft vom Schlafen? Was ist denn das für eine ungerechte Welt?

Ich drücke meine Faust in das Sofakissen.

 

„Du bist wütend“, spiegelt mir Matt. „Was ist los?“

 

„Es tut mir leid“, sage ich schnell, denn ich möchte ihn nicht verärgern. Am Ende denkt er, er hätte etwas falsch gemacht. „Ich fühle mich einfach furchtbar.“

 

„Und das macht dich wütend?“

 

„Ja.“

 

„Warum?“

 

Warum diese blöden Fragen? Warum, warum, warum? Wenn man wütend ist, ist man wütend! Warum tut mir alles weh, warum bin ich so müde, warum fragst du danach, warum kann ich nicht aus meiner Haut heraus? Warum bin ich so ein Scheusal, wenn ich doch lieber ein Engel wäre?

Also gut, ich kämpfe gegen den Schmerz, ich sage dir, was los ist. Völlig egal, ob ich danach den Rest des Tages nur noch daliegen kann oder nicht. Du hast ja gefragt Matt. Du wolltest es ja wissen.

„Ich bin wütend weil ich mich so schrecklich fühle. Ich habe jetzt so lange geschlafen und sollte heute eigentlich dementsprechend fit sein. Ich habe mich doch ausgeruht. Und trotzdem geht es mir schlechter als gestern. Ich will mich gut fühlen. Und stattdessen habe ich Schmerzen.“

 

„Was tut dir weh?“, fragt Matt ganz ruhig, mit einer Engelsgeduld.

 

„Mein Kopf. Mein Körper. Alles. Atmen und Licht und Klang und einfach alles.“

 

„Ich kann die Jalousien herunterlassen, wenn du magst.“

 

„Ich mag aber Licht. Und trotzdem tut es mir weh.“ Mir kommen gleich wieder die Tränen. Scheisse, warum? Warum explodiere ich gleich wegen jeder Kleinigkeit? Warum habe ich keine dicke Haut, wie andere Menschen? Ich weiß doch, dass das Leben schön ist und ich mag Sonnenstrahlen und Blumen und all die schönen Dinge des Lebens. Es ist ja nicht alles grau für mich, nein, bei weitem nicht! Dennoch ist da dieser Schmerz, den ich mit mir herumtrage und der mir das Leben zur Hölle macht. Eine Hölle mitten im Himmel, der das Leben sein könnte.

 

„Ist es ok, wenn ich rede? Oder soll ich lieber schweigen?“

 

Ich stoße einen Seufzer aus. „Es ist ok… Wenn es nicht soviel ist.“

 

Er nickt. „Und wegen dem Licht, ich habe da etwas für dich.“ Er gibt mir ein kleines Baumwollkissen in die Hand. Bevor ich mich fragen kann, was das ist, klärt er mich auch schon auf. „Das ist ein Augenkissen. Das kannst du dir auf die Augen legen, da ist Lavendel drin und es hält das Licht ab. Dann ist das Licht um dich herum weiterhin da, nur deine Augen sind geschützt. Probier es einfach mal aus, ob es sich gut anfühlt für dich.“

 

Ich lege mir das Baumwollsäckchen auf die Augen. Es fühlt sich kühl an und bringt mir ein bisschen Linderung.

 

„Besser?“

 

Ich nicke. „Mh-mh.“

 

„Wenn du magst hole ich dir ein kaltes Tuch für deinen Kopf.“

 

„Okay.“

Jetzt liege ich hier, sehe nichts mehr, aber vertraue Matt blind. Immer wieder rufe ich mir in Gedanken, wie seltsam das hier alles ist. Ich befinde mich in einem Traum. Das hier ist nicht real. Im realen Leben kümmert sich niemand um dich und tut alles, dass es dir auch nur ein bisschen besser geht. Aber ich will träumen!

Ein Seufzer entgleitet mir, als er mir das Tuch auf die Stirn legt. Es ist so kühl und fühlt sich so angenehm an. Oh Gott, mir wird ganz flau im Magen.

 

„Magst du, dass ich neben dir sitzen bleibe, oder wieder auf die andere Seite gehe?“

 

„Du kannst bleiben“, sage ich und füge ein „Danke“ hinzu.

 

„Gerne.“ Ich höre, dass er sich freut. „Wie ist es jetzt mit deiner Wut?“

 

„Sie ist weg. Auf Wanderschaft.“

 

„Ein schönes Bild!“

 

Er drängt mich nicht, etwas zu sagen. Vielleicht fällt es mir daher leichter, von mir heraus etwas mitzuteilen.

„Ich will mich endlich gut fühlen. Richtig gut. Aufwachen und voller Energie sein. Ohne Schmerzen. Das hat mich vorhin wütend gemacht.“

 

„Weißt du, dein Körper ist völlig erschöpft. Du hast gerade einen Zusammenbruch gehabt, oder? Das ist so anstrengend für das System. Und du erwartest, dass das einfach alles von heute auf morgen wieder weg ist? Es braucht Zeit. Heilung braucht seine Zeit.“

 

„Ich hab aber keine Geduld dafür.“

 

Matt lacht. „Du bist wirklich unverbesserlich. Aber es ist ok, ich verstehe das. Es ist eben nicht angenehm erschöpft zu sein und Schmerzen zu haben.“

 

„Nein, wirklich nicht. Es ist furchtbar.“

 

„Ich weiß immer noch nichts über deine Geschichte, aber dass es dir nicht gut geht und du dich furchtbar fühlst.“

 

„Sorry.“

 

„Es muss dir nicht Leid tun. Lass dir Zeit.“

 

„Aber ich hab keine Zeit.“ Da kehrt sie wieder zurück, die Wut. „Ich muss doch nach Hause.“

 

„Wie?“

 

„Nach Hause. An den Ort, an dem ich wohne.“

 

„Du kannst gerne noch ein paar Tage hier bleiben.“

 

Oh Gott. Hat er das gerade wirklich gesagt? Ich reisse mir das Augenkissen vom Kopf und setze mich schneller auf, als es sich gut anfühlt.

„Ich kann nicht. Ich… Ich habe keine Kleider dabei, keine… ich….“ Mir wird schwindelig.

 

„Ich habe Sachen von meiner Schwester da, erinnerst du dich? Ich bin sicher, sie hat nichts dagegen, dass du sie benutzt.“

 

Ich hadere noch mit mir. So ganz wohl dabei ist mir nicht, aber andererseits würde ich schon gerne hier bleiben. 

„Ich werde aber sicher nicht ihre Zahnbürste benutzen.“

 

„Nein, das musst du auch nicht. Ich habe eine Ersatzzahnbürste im Haus.“

 

Er hat also die Kleider seiner Schwester hier. Und ihre Sachen. Und eine Zahnbürste für mich. Oh Mann. Es ist alles hier, was ich brauche. Ich muss nicht gehen. Ich kann hier bleiben. Erschöpft lasse ich mich wieder auf das Sofa sinken. Ich spüre, dass mich da etwas hält. Ich bin getragen. Das erste Mal in meinem Leben bin ich wirklich getragen.

 

„Ich würde dich so auch gar nicht gehen lassen. Du bist so fertig, du brauchst Ruhe. Viel Schlaf, regelmäßig etwas zu Essen… Ich koche für dich. Es macht keinen großen Unterschied ob ich für mich alleine oder uns beide koche. Du fällst mir nicht zur Last, falls du das denkst. Ich bin froh, mal wieder Gesellschaft zu haben. Und mal wieder weiterzukommen mit meinen Büchern.“ Das ist jetzt wohl zu seinem Running Gag geworden. 

Seine positive Ausstrahlung ist so ansteckend. Für einen Moment rückt der Schmerz in den Hintergrund und ich bin dankbar, hier zu sein. Dass mir das Leben das hier schenkt. Sein. Einfach nur zu sein. Dass ich sein kann, wie ich bin.

 

„Aber…“, beginne ich, „Du musst doch sicher auch arbeiten fahren…“

 

„Mach dir keine Gedanken darum. Jetzt ist erstmal Wochenende und die nächsten Tage habe ich frei. Ich muss erst wieder nächste Woche arbeiten und dann auch nur ein paar Stunden hier und da. Teilweise kann ich auch von Zuhause aus arbeiten.“

 

Das scheint ja wirklich von einer höheren Macht gelenkt zu sein. Denn ich habe gerade riesige Angst davor, alleine zu sein.

 

„Mags du etwas frühstücken?“

 

„Du hast schon gegessen, oder?“

 

„Ja, aber ich mach dir gerne was. Bleib einfach liegen, solange es sich gut anfühlt. Magst du Obst, oder Brot, oder Müsli? Ich habe alles da.“

 

„Suppe wäre toll.“ Huch. Habe ich das gerade gesagt? Das war doch gar nicht in seiner Aufzählung enthalten.

 

„Oh ich weiß, ich mache dir eine Misosuppe.“

 

Jetzt strahle ich. „Im Ernst?“

 

„Ja. Ich esse gerne japanisches Frühstück und habe auch die Zutaten dafür Zuhause. Misopaste, Karotten, Shiitake, Frühlingszwiebeln, Seidentofu. Meine Misosuppe ist richtig lecker.“

 

Eine kindliche Freude durchfährt mich. Ich bin im Himmel gelandet. Ich bekomme etwas zu Essen gemacht und ich darf hier herumliegen und nichts tun. Aber…

 

„Das geht doch nicht“, sage ich.

 

„Was?“

 

„Na, dass ich hier einfach so faul herumliege und du für mich Dinge tust.“

 

„Hör mal. Dir geht es nicht gut. Ruh dich aus. Und ich kümmere mich gerne um dich. Du darfst das ruhig annehmen.“

 

„Sicher?“, frage ich vorsichtig, als hätte ich Angst, etwas dadurch kaputtzumachen, dass ich so fordernd bin.

 

„Sicher“, sagt er sanft, verschwindet in der Küche und beginnt, Karotten zu schneiden. Ich döse wieder ein bisschen vor mich hin.

Wie kann jemand nur so liebevoll sein? Ich habe so etwas noch nie erlebt. Und ich beginne es zu geniessen. Diesen Moment des Liegens, zu wissen, da ist jemand, der auf mich aufpasst.

 

 

Er hatte Recht, seine Misosuppe ist wirklich gut. Ich mag es gerne morgens etwas Warmes zu Essen. Es ist mir so vertraut. Wärme. Diese besonderen Keramikschalen. Es ist etwas ganz besonderes. Vielleicht träume ich nur. Aber ich hoffe, dass der Traum nicht endet.

 

 

 

 

#4 Tiger

 

Es tut gut, zu duschen. Auch wenn ich Zuhause oft soviel Überwindung brauche, bis ich in die Wanne steige. Es hat etwas klärendes, reinigendes an sich. Das Wasser läuft über meine Haut. Ich spüre mich selbst. Ich stelle mir vor, dass ich rein gewaschen werde. 

Nun bin ich vitalisiert. Ich schlüpfe in die Kleider, die Matt mir zurechtgelegt hat. Er wollte mir erst beim Duschen helfen, aber ich habe dankend abgelehnt. So schwach bin ich dann auch nicht. Aber das kann er schlecht einschätzen. Niemand weiß das besser, als ich. Ja, im Moment fühle ich mich sogar ganz okay. Seltsam, wie das in Wellen stets in Veränderung ist. Ich weiß nicht, wie lange meine Energie hält, aber fürs Duschen und Umziehen reicht es aus.

 

Jetzt komme ich mir fast vor wie ein anderer Mensch. Ich trage nicht mehr meine eigenen Klamotten. Ich befinde mich in der Hülle einer Fremden. Ich kämme meine Haare und starre dabei gedankenverloren in mein Spiegelbild. Viel sehe ich nicht, denn der Spiegel ist mit Dunst beschlagen. Manchmal frage ich mich, wer ich eigentlich bin und fühle mich mir selbst so fremd.

 

Einen Moment halte ich inne. Wenn ich gleich wieder raus zu Matt gehe, was wird dann passieren? Was werde ich ihm sagen? Er wartet ja nun schon eine Weile geduldig auf meine Geschichte. Was mit mir los ist. Aber es ist so schlecht greifbar. Ich fühle mich ehrlich gesagt schuldig, dass ich nicht konkret sagen kann: Jemand ist gestorben und ich bin in tiefer Trauer. Ich habe so gesehen keinen guten Grund dazu, so neben der Spur zu sein. Wenn ich so darüber nachdenke will ich am liebsten gar nicht mehr das Badezimmer verlassen. Ich könnte hier sitzen bleiben, auf der Badematte und meine Finger in den Flor der Matte graben. Aber dann würde sich Matt wahrscheinlich Sorgen machen und das möchte ich auch nicht. Ich habe Angst, dass ich irgendwie falsch bin und er mich nach Hause schickt. Auch wenn er gesagt hat, dass ich bleiben kann. Was, wenn er bemerkt, wie ich wirklich bin und es sich anders überlegt? Ich seufze. Okay. Das sind wieder so viele trübe Gedanken. 

Schluss damit. Ich bin doch hier. Es ist ein Wunder. Also werde ich versuchen dieses Wunder so gut es geht auch zu geniessen.

 

Ich verlasse also das Badezimmer und versuche mit so viel Eleganz wie möglich ins Wohnzimmer zu laufen. Ich bin schließlich ein menschliches Wesen und nicht nur ein Wrack. Das darf er ruhig sehen. 

Dann lasse ich mich auf meiner Seite des Sofas nieder, wickele mich in die Decke ein, atme tief durch und sammle mich. 

Also gut, Matt. Jetzt bin ich bereit, zu reden. Auch wenn ich keine Ahnung habe, was ich sagen soll. Ich schaue ihn ernst an.

 

Matt lächelt mich an. „Das ist kein Verhör, weißt du?“

 

„Nicht?“

 

„Ganz und gar nicht.“

 

„Ich möchte dir aber sagen, wer ich bin und was meine Geschichte ist. Und ich habe lange drüber nachgedacht, was ich sagen soll. Und …“ Ich stocke.

 

„Und?“

 

„Und … ich kann es nicht greifen. Ich kann dir keine plausiblen Gründe für all das hier nennen. Ich bin einfach hier. Ich weiß nicht, wie das passiert ist.“ 

 

„Du kannst dich nicht erinnern, was passiert ist?“

 

„Nein, das ist es nicht. Ich… ich weiß nur nicht was so schlimm gewesen sein soll, dass es all das rechtfertigen würde. Ich habe keinen Todesfall erlitten oder so etwas. Mein Leben war ganz okay.“

Kurz nachdem ich das ausgesprochen habe spüre ich, wie mein Herz mir wehtut. Das stimmt doch gar nicht. Ich habe sehr wohl einen Todesfall erlitten, auch wenn das nun vier Jahre her ist. Aber wehgetan hat das, und wie. Aber ob das der Grund für all das hier ist, ich glaube nicht.

 

„Hey“, sagt Matt sanft. „Du verlierst dich gerade sehr in Gedanken. Bleib mal hier, bei mir. Im Raum.“

 

Ich versuche mich auf den Raum zu konzentrieren. „Ich weiß nicht, wo das alles angefangen hat.“

 

„Was ist mit dem Ende? Wir können auch rückwärts gehen. Was ist als letztes passiert?“

 

„Ich habe mich gut gefühlt. Ich dachte, ich höre auf meinen Lehrer und gehe wandern.“

 

„Dein Lehrer?“

 

„Ja, ich habe einen Lehrer, der mich körperlich und seelisch begleitet. Er sagt, ich bin zu leicht und soll mehr das Schwere in mir spüren, als das luftig Leichte. Und dass es Menschen wie mir hilft, körperlich aktiv zu werden.“

 

„Und er hat dich Wandern geschickt?“

 

„Naja, so kann man das auch nicht sagen. Es ist nicht seine Schuld. Ich habe es wohl wieder übertrieben. Denn ich habe die letzten Wochen viel geschlafen, weil ich so erschöpft war. Aber dann kam ein guter Tag zwischenrein und ich dachte, diese Gelegenheit nutze ich. Jetzt geht es wieder und jetzt gehe ich raus und gehe wandern. Und den Rest kennst du ja, wie das mit dem Wandern ausging.“

 

Matt nickt. „Wann fing das an, dass du so erschöpft bist? Gab es einen Auslöser dafür?“

 

Ich spüre plötzlich einen Widerstand. Warum will er das eigentlich alles wissen? Spielt es denn eine Rolle, was ist? Es macht auf einmal alles gar keinen Sinn mehr.

„Hast du nicht genug zu tun in deinem Leben, genug Arbeit? Musst du das hier unbedingt auch noch am Hals haben?“

 

„Ich möchte gerne verstehen, was in dir vorgeht, daher möchte ich alles hören, was du mir erzählen magst.“

 

„Ich kann das nicht. Ich meine, hast du nicht verdient, etwas Schönes in deiner Freizeit zu machen, anstatt dir irgendwelche Probleme anzuhören?“

 

„Und wenn ich das möchte?“

 

„Warum in alles in der Welt sollte irgendjemand so etwas freiwillig wollen?“

 

„Warum denn nicht? Es gibt Menschen, die helfen gerne anderen Menschen.“

 

„Und was, wenn du dadurch total ausbrennst und am Ende gar keine Energie mehr für dein eigenes Leben hast, vor lauter Energievampire um dich?“

 

„Du machst dir Sorgen um mich?“

 

„Ja.“

 

Matt lächelt. „Lass das mal meine Sorge sein. Ich entscheide, was ich möchte und was nicht. Du musst nicht für mich mitdenken. Du kannst dich auf dich konzentrieren.“

 

Mein Herz fühlt sich fest an. Ich spüre Angst. Eine unerklärliche Angst vor dem Verlassen werden. Ein falsches Wort und die feine Brücke, die die Verbindung zwischen mir und meinem Gegenüber symbolisiert bricht ein.

 

„Alles okay, Alex?“ Matt schaut mich aufmerksam an. Unsere Blicke treffen sich kurz, dann halte ich das nicht mehr aus und ich schaue weg. Es ist so schwer, mit meinen Empfindungen zurecht zu kommen. Dieser innere Vulkan, der stets zu Brodeln beginnt.

Eigentlich würde ich am Liebsten schreien und wild in der Gegend herumschlagen. Aber das kann ich nicht machen… Was denkt Matt denn dann von mir, wenn ich mich wie ein wildes Tier aufführe? Ich bin doch kein Tiger, ich bin ein Mensch, ein zivilisiertes Wesen.

 

„Was spürst du?“, fragt Matt.

 

„Nichts“, antworte ich wahrheitsgemäß.

 

„Soll ich dich eine Weile in Ruhe lassen?“

 

„Mach was du willst“, sage ich kühl.

 

Matt beginnt mit sanfter Stimme zu sprechen: „Es ist okay, was auch immer du spürst. Ich bewerte das nicht. Traumata können sehr heftig sein. Ich habe das auch einmal alles durchlebt, ich kenne es sehr gut, auf dem Boden zu liegen und vor Schmerzen nichts tun zu können. Ich weiß wie es ist, weder vor noch zurück zu können. Also, ich bin hier. Egal was passiert. Ich bleibe bei dir.“

 

Das zu hören besänftigt meine Wut und ich frage mich, was er wohl erlebt hat, vor langer Zeit.

 

„Wie hast du das überwunden?“, frage ich.

 

„Mit einem guten Therapeuten.“

 

Ich verstehe. Er hat also selbst soviel durchgemacht und nun sieht er sich selbst in mir und will mir helfen. Aber dennoch, so geht das einfach nicht. Der Widerstand in mir ist zu groß. Es fühlt sich einfach so falsch an, die Grenzen nicht vorher zu klären. Ich weiche ihm zur Seite aus.

 

„Was hast du?“

 

„Ich fühle mich nicht wohl mit dem hier. Was machen wir denn? Reden wir nur miteinander, oder sind wir schon mitten in einer Therapiesitzung? Ich möchte Klarheit haben.“

 

„Ich bin kein Therapeut. Aber ich möchte dir gerne helfen. Wenn du das auch möchtest.“

 

„Ich kann das nicht annehmen, ohne Gegenleistung.“

 

„Du musst mir wirklich nichts zurück geben.“

 

„Vergiss es. Entweder ich gebe dir etwas zurück oder ich gehe.“ Oh verdammt. Ich bin aber auch so eine Kriegerin und habe meinen Stolz.

 

„Und was wenn es darum geht zu lernen, etwas anzunehmen?“

 

„Und was wenn es darum geht zu lernen, dass du nicht kostenlos Leute therapieren sollst?“

 

„Okay. Können wir uns darauf einigen, dass du im Moment einfach mal meine Hilfe annehmen darfst, solange du hier bist? Sozusagen als Übung fürs Annehmen? Und später überlegen wir uns gemeinsam, was du im Gegenzug für mich tun kannst?“ 

 

Irgendwie macht mir das Druck. Ich muss dann ja etwas finden, um meine Schuld zu begleichen. Was, wenn es nicht genug ist? Ich sollte einfach gehen, so wie mein Stolz das gerne hätte. 

Es geht mir ja auch nicht so schlecht. Gerade ist doch alles gut. Ich kann wieder aufstehen, herumlaufen. Ich gehe einfach nach Hause und das war es dann. Dann habe ich all diese Gedanken mit Annehmen und Schuld nicht mehr. Zuhause ist alles gut. Da bin ich alleine, getrennt von der Welt und ihren komplizierten Regeln.

 

„Was ist los?“

 

„Ich gehe nach Hause“, sage ich. „Ich hab kein Geld dich zu bezahlen und ich will auch keine Schuld bei dir haben.“

Als wäre es die einzige logische Konsequenz, stehe ich auf, schnappe meinen Rucksack und laufe zur Tür. 

Moment. Wo sind meine Schuhe? Ich erinnere mich nicht, wo ich sie hingestellt habe. Alles ist so verstreut, chaotisch, ich kann nichts zusammen halten. Oh verdammt.  

Mir fällt auf, dass ich gar nicht gehen kann. Ich weiß nicht mal, wo ich bin. Wie ich wieder nach Hause komme. Ich bin diesem fremden Mann komplett ausgeliefert, dass er mich nach Hause fährt oder zumindest an den nächsten Bahnhof. Eine weitere Welle überkommt mich. Panik macht sich in mir breit. Hitze steigt auf, Energie schiesst in meinen Kopf.

Ich könnte jetzt die Tür aufreissen und rennen, einfach geradeaus, irgendwohin. In den Socken seiner Schwester. Aber ich bin wie gelähmt. Wie ein Tiger, der vor Schreck erstarrt ist. Wild und doch völlig hilflos der Situation ausgeliefert. 

 

Was habe ich nur getan? Warum bin ich hierher gekommen? Matt muss denken, dass ich total geisteskrank bin, so wie ich mich aufführe. Ich kenne mich selbst nicht wieder. Ich kann es mir nicht erklären, was hier passiert, ich will das ja nicht, aber jetzt gibt es kein zurück. Ich kann mich nicht einfach wieder aufs Sofa setzen und so tun als wäre nichts passiert. Mein Atem rast. Mir wird schon leicht schwindelig. Bitte, hör auf damit. Ich weiß, was gleich kommt, wenn ich das nicht unter Kontrolle kriege.

 

Matt geht langsam auf mich zu. Ich schaue ihn völlig entgeistert an. Bitte, komm nicht näher. Ich habe plötzlich unglaubliche Angst. Nicht vor ihm, aber vor der Situation. Gefangen zu sein. Verstoßen zu werden.

„Alex, es ist okay.“

 

Das sagt er doch nur so, damit ich jetzt nicht total ausflippe. Scheiße. Das war es mit meinem Traum. Ich habe mir meine eigene Seifenblase gerade zerstochen. Shit. Shit. Shit. Mein Atem brennt und es wird schon schwarz um mich. Bitte, sei doch einfach einmal normal. Aber ich kann es nicht mehr anhalten, es ist schon zu spät. Matt kommt einen weiteren Schritt auf mich zu. Ich schwanke und Matt fängt mich auf. Ich glaube, ich werde gerade ohnmächtig.

 

Matt schüttelt mich. „Alex?“

 

Ich antworte nicht. Ich bin gerade total überfordert. Kann nichts sagen. Kann mich kaum auf den Beinen halten. Er führt mich sanft zu Boden und hält meinen Kopf auf seinem Schoß. Mein Augenlider werden gerade so schwer und ich bin ganz, ganz weit weg. Ich spüre meinen Körper nur noch aus der Ferne. Matts Stimme hört sich so seltsam fremd an.

„Alex?“ Er wiederholt meinen Namen, wieder und wieder. „Alex, bitte, bleib hier bei mir. Sonst muss ich wirklich einen Arzt rufen.“

 

Arzt? Ein Schreck fährt in mich. Nein, nein, nein, bitte nicht.

„Es geht schon wieder.“

Ich muss mich zusammenreissen, zumindest so normal zu wirken, dass er keinen Arzt ruft. Davor habe ich einfach viel zu viel Angst.

 

„Das ist heftig, was du durchlebst, oder?“

 

Ich nicke.

 

„Es ist okay. Du musst dir keine Gedanken machen, dass mir das zuviel ist oder so. Ich muss nur sicher sein, dass dir nichts passiert. Das würde nicht gut ausgehen, weißt du. Du bist in meinem Haus und da bin ich für dich verantwortlich. 

 

„Tut mir leid.“ 

 

„Das kann schon mal vorkommen, dass man so von seinen Emotionen überrannt wird. Ich bin dir nicht böse oder so.“

 

Wirklich nicht? Sagt er das jetzt nur so? Aber ich glaube, er meint es ernst.

 

„Zugegeben, ich mache mir gerade etwas Sorgen um dich. Aber wenn du sagst, dass es geht und wir keinen Arzt rufen müssen, dann glaube ich dir.“

 

Er vertraut mir… Ich bin zutiefst beeindruckt. Wie kann es so einen guten Menschen geben? Der mich das alles aushält, egal wie heftig es ist? Da fehlen mir wirklich die Worte. Ich kenne das alles nicht. Ich bin immer weggeschickt und weitergereicht worden. Auch wenn ich nicht verstehe, warum er das tut und wenn ich nach wie vor Angst davor habe, dass er seine Meinung doch noch ändert.

 

„Gibt es etwas Gutes, dass ich dir jetzt tun kann?“

 

Er überfordert mich mit soviel Güte. „Ich weiß es nicht. Ich hab es satt, dass alles so extrem ist und ich so impulshaft bin.“

 

„Du hast wohl schlimme Dinge erlebt, da ist das nur natürlich.“

 

„Verdammt, ich habe keine schlimmen Dinge erlebt! Ich habe keinen Grund für all das hier.“

 

„Den hast du. Sonst würdest du nicht so reagieren“, sagt er ganz sanft.

 

Ich hasse es, wenn jemand anderes mich so in die Enge treibt. Aber was soll ich dazu sagen? Ich kann mich nicht wehren. Er hat die besseren Argumente. Schön, vielleicht ist da irgendetwas passiert, aber ich weiß nicht, was. Ich kann es überhaupt nicht greifen, was mein Problem ist.

 

„Wie wäre das, wenn wir heute miteinander reden, ganz ohne Gegenleistung? Du brauchst gar keine Schuldgefühle dafür haben. Und morgen sehen wir weiter, was für dich stimmig ist.“

 

Eigentlich möchte ich jetzt ganz stolz „Nein“ sagen. Aber es ködert mich und ich habe gerade nicht die Kraft, mich zu wehren. Einen Tag, das kann ich doch eigentlich machen, oder? Ein einziger Tag. Danach kann ich immer noch gehen oder mir etwas überlegen. 

 

 

Egal, wie turbulent das gerade alles war. Matt ist immer noch da.

 


Falls du gerne mehr lesen möchtest, schreib mir eine Mail. 



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