Syrinx

Die wunderbare Singer-Songwriterin Car.Rie aus Berlin hat mich dazu inspiriert, meine eigene Peter Pan Geschichte aufzuschreiben.

 

Syrinx

Die Sonne ist schon halb versunken und die vom Hochwasser überfluteten Bäume wirken surreal auf mich. Ich streife am Flussufer entlang. Mein Lieblingsplatz unter den Kastanien ist überflutet. Ich gehe weiter. 

Flötenklänge dringen in mein Ohr. Eine magische Melodie, die sich stets wiederholt, so als wollte sie mich in ihren Bann ziehen… Vielleicht bin ich wirklich verzaubert, denn ich kann mich ihr nicht entziehen und laufe tiefer in den Wald hinein, auf der Suche nach der Quelle dieses Klangs.

Die Sonne sinkt tiefer und meine Umgebung beginnt mit mir zu verschmelzen. Was glaube ich zu finden, während ich mich immer tiefer in einem sehr dicht bewachsenen Pfad verliere? Zweige schlagen mir entgegen. Der Klang kommt näher, es ist als ob ich transparent werde und jede Note meine Zellen zum Schwingen bringt. 

 

Da sitzt er: Ein Mann auf einem Baumstamm, in sein Flötenspiel vertieft. Nur einen Schritt näher noch. Ein Ast knackt unter meinen Füßen und der Flötenspieler verstummt.

„Sorry, dass ich hier so hereinplatze…“ 

„Ist okay“, sagt er und senkt die Hand, mit dem er vorsichtig sein Instrument umfasst.

„Ich liebe Musik, ich spiele selbst Harfe und singe…“, beginne ich und ringe mit den Worten. In der Musik liegt soviel mehr, als Worte zu transportieren vermögen.

Ich bin Caro, die sich mit Stimmphysiologie und Körperarbeit beschäftigt und Taiji trainiert, er bereitet sich für die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule vor. Irgendwie fühle ich mich seltsam Zuhause, wenn er mir von seinen Träumen erzählt. Er war lange Zeit in Schweden, er reist gerne, er ist ein großer Fan von Satie. Das Stück, dass er gerade übt heißt Syrinx. Peter Pan … 

 

„Spiel nochmal für mich“, sage ich und lasse mich neben ihm auf dem Baumstamm nieder, der gerade genug Platz für zwei Menschen bietet. Wieder erfüllen Klänge diesen endlosen Raum um uns herum. Ich stimme mich ein auf das, was er mir mit seiner Musik sagen möchte.

 

„Ich spüre intuitiv, wo Klang und Körper miteinander verbunden sind und kann dir Impulse geben, Spannungen zu lösen. Es geht um Balance. Es geht um Wahrnehmung. Darum, dich selbst zu spüren und achtsam mit dir umzugehen.“

Neugierig sieht er mich an, während ich versuche, das in Worte zu fassen, was ich tue und wie ich es tue. Letztendlich werde ich es nie völlig erklären können, die Sache an sich ist auch ein großes Geheimnis. Doch ich sehe in seinem Blick, dass er wieder Kind geworden ist und wie auch ich mit jeder Sekunde jünger werden. Wir lassen die Erwachsenenseelen für einen Augenblick hinter uns. Es ist ohnehin alles nur ein Traum. Wir beide, der Mond, das überflutete Ufer, zwei Fremde, auf magische Weise verbunden auf dieser kleinen Insel inmitten des Waldes.

 

Er holt tief Luft, als würde es ihm schwer fallen, es zuzugeben. „Es gibt da eine Spannung im Hals, wenn ich Flöte spiele. Irgendwie kriege ich die nicht weg. Kannst du da was machen?“

Ich muss lächeln. Er hat sich mir geöffnet. Er vertraut mir. Und wir beide sind neugierig, was geschehen wird. Kann ich ihm helfen? Oder ist es vielmehr etwas, das durch mich hindurch wirkt? Es spielt keine Rolle, denn er und ich, wir sind nur zwei Forscher. Es gibt nichts zu verlieren.

 

Fast mühelos gleiten seine Finger über die Ringklappen seines anmutigen Instruments. Ich klinke mich in den Klang ein, spüre in meinem Körper, was in ihm vorgehen könnte. Mein Körper spiegelt seinen Körper. Ich nehme die sehr starke Präsenz im vordern Bereich wahr.

„Nimm deine Aufmerksamkeit zurück und konzentriere dich auf den Bereich hinter dir, statt auf den Bereich vor dir.“

Erst ist etwas skeptisch, denn das ist ein ungewohnter Gedanke. Wir schauen immer nach vorne, nicht zurück. Wozu soll das gut sein? Doch der Klang reagiert sofort, wird voller, räumlicher. Die Schwingung berührt mich und ich sauge sie in mich auf, als wäre sie ein Teil von mir, den ich einst verloren hatte. Etwas in mir hat Feuer gefangen. Es funktioniert! Wir befinden uns im Dialog, ich spüre die Verbindung sehr deutlich. 

 

Als nächstes lege ich meine Hände vorsichtig auf seine Schultern. „Kannst du an dieser Stelle loslassen?“ Seine Schultern senken sich ein Stück und er seufzt. „Das tut gut. Es ist, als ob eine große Last von mir abfällt.“ Auch das macht sich gleich im Klang bemerkbar und ich bekomme eine Gänsehaut. Der Klang ist ein sehr feiner Indikator für Körperspannungen. Wir sind eben das Instrument, die Summe aus Körper, Geist und Seele. Alles ist miteinander verwoben, fließt zusammen.

Die Zeit verfliegt und wir experimentieren gemeinsam, suchen nach Wegen, die zuvor noch niemand gegangen ist.

 

„Das ist unglaublich, was du machst, das solltest du professionell anbieten, soviele Menschen könnten davon profitieren!“, sprudelt es schließlich aus ihm heraus. Ich bin ehrlich gerührt über sein Feedback und spüre, wie es mein Herz ein bisschen weiter macht. Wir verabschieden uns am Waldrand und ich bin merkwürdig beschwingt auf meinem Nachhauseweg. Ob wir uns wiedersehen werden ist ungewiss, aber ich fühle mich nicht, als ob ich etwas verloren hätte, sondern reich beschenkt.

 

Ich bin tief erfüllt, dass ich dabei sein durfte, wie eine große Verwandlung stattgefunden hat, von mir und von ihm. Ich dachte immer, ich bin eine Musikerin, aber ich bin mehr als das. Ich habe mich all die Zeit nur selbst begrenzt und jetzt bin ich dabei, in meine eigene Größe zu kommen. Der Fluss schweigt und die Zikaden zirpen. Ich spüre mein Herz schlagen und meine Wangen glühen. Ob das Liebe ist? Ja, ich spüre sehr deutlich die Liebe zu mir selbst. Die Liebe zu dem, was ich tue. Die Liebe für diesen Weg, dem ich mich widmen möchte. 


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Carolin Nobles, Singer & Sound Healer

113 Duncan Terrace,

Wellington 6022, New Zealand

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